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FinTechs und digitale Kreditplattformen: Chancen und Herausforderungen für Entwicklungsländer

FinTechs und digitale Kreditplattformen prosperieren derzeit in Entwicklungsländern besonders stark. Herausforderungen für Kunden und Investoren bleiben anspruchsvoll - insbesondere mit Blick auf Überschuldungsrisiken und Profitabilität.

"Früher waren Menschen auf das Wohlwollen von Busfahrern angewiesen, wenn sie Geld an ihre Familien auf dem Land schicken wollten. Dank digitaler und mobiler Zahlungsmöglichkeiten sind diese Prozesse inzwischen einfacher und vor allem günstiger geworden", beschreibt Yann Groeger, Regional Manager für Afrika bei BlueOrchard Finance, die Veränderungen. Die afrikanische FinTech-Industrie erweckt, nicht zuletzt aufgrund jüngster Erfolgsgeschichten, insbesondere bei Wagniskapitalgebern großes Interesse.

Es wird angenommen, dass der Tech-Sektor von 414 Millionen US-Dollar im Jahr 2014 auf 608 Millionen US-Dollar in 2018 anwachsen ürfte. Im Gegensatz zu anderen Regionen, in denen sich die Bankenlandschaft aufgrund des Wachstums der FinTech-Industrie einer zunehmenden Konkurrenz ausgesetzt sieht, scheinen Banken und FinTechs in Entwicklungsländern nebeneinander bestehen zu können und sich gegenseitig ergänzen.

Die Zunahme von FinTechs und digitalen Kreditvergaben birgt allerdings auch viele neue Herausforderungen. Im Fokus stehen insbesondere Überschuldungsrisiken, Transparenz und Profitabilität. Laut der Consultative Group to Assist the Poor (CGAP) verlangen die neuen Finanzdienstleister zum Teil übermäßige Gebühren und Zinsen. Viele sehen sich mit steigenden Zahlungsausfällen konfrontiert - dies wiederum führt zu höheren Zinsen. Zudem besteht das Risiko einer Überschuldung der Kunden, da es keine einheitlichen Informationssysteme gibt, die es den Anbietern ermöglichen, sich über ihre jeweiligen Kreditportfolios auszutauschen.

Diese Problematiken sind jedoch nicht nur in Entwicklungsländern zu beobachten. In den USA beispielsweise erleben digitale Kreditvergabeplattformen vermehrt steigende Kreditausfälle (Anstieg von 1,6 Prozent Ende 2014 auf 3,2 Prozent in 2017). Laut der Financial Times hat dies zu tieferen Renditen für Investoren geführt (Rückgang von zwölf Prozent im Jahr 2014 auf fünf Prozent 2017). Infolgedessen hat sich der Marktwert solcher Plattformen verringert und Aufsichtsbehörden beschäftigen sich zunehmend mit Governance-Fragen.

Während somit mobile und digitale Finanzdienstleister mit Kreditrisiken, operativen Herausforderungen und Governance-Themen zu kämpfen haben, verzeichnen Modelle wie der Mikrofinanzsektor beständig geringe Ausfallraten und bieten Menschen in Entwicklungsländern zuverlässig Zugang zu Finanzdienstleistungen. Ein grundliegender Unterschied zwischen digitalen Finanzdienstleistern und dem Mikrofinanzsektor ist die persönliche Beratung der Endverbraucher. Dabei liegen die Ausfallraten bei Mikrofinanzinstitutionen unter einem Prozent. Diese geringen Ausfallraten sind das Ergebnis eines tiefen Marktverständnisses und der persönlichen Nähe zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer.

"FinTechs und digitale Kreditplattformen führen zu Produktivitäts- und Effizienzsteigerungen. Sie tragen bedeutend zu einer Reduzierung von Transaktionskosten bei und ermöglichen den sicheren Transfer von Geld", sagt Peter Fanconi, Verwaltungsratsvorsitzender von BlueOrchard Finance. "Allerdings werden FinTechs nicht in der Lage sein, die persönliche Interaktion mit dem Kreditnehmer zu ersetzen - dem unserer Ansicht nach wichtigsten Teil des Kreditprozesses. Dadurch werden niedrige Ausfallraten und Zinsen sowie die nachhaltige Überwindung von Armut erst ermöglicht."

Quelle: BlueOrchard Finance AG